Der Pfarrer, der aus Versehen Aspirin erfand: Edward Stones Zufallsentdeckung von 1763
Manche der größten Entdeckungen der Medizingeschichte beginnen nicht im Labor, sondern durch Zufall. Genau so beginnt die Geschichte, die letztlich zu Aspirin führte: mit einem englischen Landpfarrer, einem bitteren Geschmack und einer Beobachtung, die er einfach nicht loslassen konnte.
Ein Spaziergang, ein bitterer Zufall
Edward Stone war Pfarrer im englischen Chipping Norton, als er nach eigenen Angaben zufällig ein Stück Weidenrinde kostete. Möglicherweise während eines Spaziergangs, aus reiner Neugier oder weil er schon auf der Suche nach einem Ersatz für ein damals sehr bewährtes Grippemittel war.
Was Edward bei dem Bissen in ein Stück Weidenrinde aber bemerkte, sollte ihn Jahre beschäftigen. Seine Aufmerksamkeit lag auf dem außergewöhnlich bitteren Geschmack der Rinde. Für sich genommen wäre das eine Randnotiz geblieben. Doch Stone litt selbst unter wiederkehrenden Schmerzen. Der bittere Geschmack erinnerte ihn an eine andere bittere Substanz, die zu dieser Zeit in aller Munde war: Chinarinde, das damals bekannteste Fiebermittel Europas.
Die Theorie der "Signaturenlehre"
Stones Gedankengang folgte einer damals weit verbreiteten Idee, der sogenannten Signaturenlehre. Dies war die Annahme, dass Form, Farbe, Geschmack oder Wuchsort einer Pflanze Hinweise auf ihre medizinische Wirkung geben konnten.
Besonders einleuchtend fand er dabei einen weiteren Gedanken: Weiden wachsen bevorzugt an feuchten, sumpfigen Standorten – also genau dort, wo zu jener Zeit auch Fieber und Sumpffieber-Erkrankungen (vermutlich Malaria) besonders häufig auftraten. Nach der damaligen Logik lag es nahe, dass die Natur die "Lösung" dort wachsen ließ, wo auch das Problem zu finden war.
Ein Pfund Weidenrinde, drei Monate im Backofen
Stone ließ es nicht bei der Theorie bewenden. Er sammelte ein Pfund Rinde der Silberweide (Salix alba), trocknete sie über drei Monate hinweg in einem Bäckerofen und zerstieß die getrocknete Rinde anschließend zu einem feinen Pulver.
Zunächst testete er das selbstgemachte Pulver an sich selbst – wohl mit Erfolg, wie er später berichtete. Ermutigt davon weitete er seine Versuche über die folgenden fünf Jahre auf rund 50 weitere Personen aus, die ebenfalls von der Einnahme profitiert haben sollen.
Der Brief an die Royal Society
1763 fasste Edward Stone seine Beobachtungen in einem Brief an die Royal Society in London zusammen. Dies war damals die bedeutendste wissenschaftliche Gesellschaft Englands.
Dieser Brief gilt heute als eine der ersten systematischen schriftlichen Dokumentationen der schmerz- und fieberlindernden Eigenschaften der Weidenrinde in der westlichen Wissenschaftsgeschichte. Bemerkenswert dabei: Der eigentliche Wirkmechanismus blieb zu diesem Zeitpunkt vollkommen unbekannt. Es sollte noch mehr als 60 Jahre dauern, bis überhaupt ein konkreter Inhaltsstoff der Rinde isoliert werden konnte.
Von der Rinde zum Molekül: Der lange Weg zu Aspirin
Erst 1828 gelang es dem Chemiker Johann Andreas Buchner, aus Weidenrinde erstmals gelbe, bitter schmeckende Kristalle zu isolieren – die Substanz Salicin, benannt nach der botanischen Gattung Salix (Weide). Wenige Jahre später synthetisierte Raffaele Piria daraus Salicylsäure.
Ab 1874 stellte der Chemiker Hermann Kolbe Salicylsäure erstmals in größerem, industriellem Maßstab her. Allerdings mit einem erheblichen Nachteil: massive Nebenwirkungen im Magen-Darm-Trakt sowie ein extrem bitterer Geschmack.
Erst 1897 gelang es dem Bayer-Chemiker Felix Hoffmann, Salicylsäure chemisch so zu verändern (Acetylierung), dass ein deutlich besser verträglicher Wirkstoff entstand. 1899 kam dieser unter dem Markennamen Aspirin® auf den Markt. Ein Name, der sich übrigens aus "A" für Acetyl und "Spir" für die Pflanzengattung Spiraea zusammensetzt, einer weiteren salicylhaltigen Pflanze.
Warum Stones Entdeckung heute noch relevant ist
Was Edward Stone 1763 noch nicht wissen konnte: Salicylhaltige Pflanzen wie die Weide waren tatsächlich schon Jahrtausende zuvor bekannt. Bereits auf Tontafeln aus dem alten Sumer und im ägyptischen Papyrus Ebers finden sich Hinweise auf salicylatreiche Heilpflanzen, und auch Hippokrates empfahl um 400 v. Chr. einen Tee aus Weidenrinde bei Fieber.
Stones eigentliche Leistung lag also nicht in der Entdeckung an sich, sondern darin, die traditionelle Beobachtung erstmals in einem systematischen, dokumentierten Rahmen an die wissenschaftliche Fachwelt heranzutragen. Ein entscheidender Schritt auf dem langen Weg von der Volksheilkunde zur modernen Pharmakologie.
Auch heute rücken traditionell verwendete Pflanzenstoffe mit langer Anwendungsgeschichte wieder verstärkt in den Fokus, etwa im Bereich Weihrauch. Wer sich dafür interessiert, findet im Weihrauch Serrata Produkt von Trendbalance einen weiteren traditionsreichen pflanzlichen Baustein für die tägliche Routine.
FAQ
Wer war Edward Stone?
Ein englischer Landpfarrer aus Chipping Norton, der 1763 in einem Brief an die Royal Society erstmals systematisch über die Verwendung von Weidenrinde berichtete.
Warum kam Stone gerade auf die Weide?
Er folgte der damals verbreiteten Signaturenlehre: Da Weiden an feuchten, fieberreichen Standorten wachsen, vermutete er dort auch eine "passende" Heilpflanze.
Wie lange dauerte es von Stones Entdeckung bis zu Aspirin?
Rund 136 Jahre – von Stones Brief 1763 bis zur Markteinführung von Aspirin® im Jahr 1899.
Woher stammt der Name "Aspirin"?
Aus "A" für Acetyl und "Spir" für die Pflanzengattung Spiraea (Mädesüß), die ebenfalls salicylhaltig ist.
War Weidenrinde schon vor Edward Stone bekannt?
Ja. Hinweise auf salicylhaltige Heilpflanzen finden sich bereits in antiken Quellen aus Sumer und Ägypten, auch Hippokrates erwähnte um 400 v. Chr. einen fiebersenkenden Tee aus Weidenrinde.